Die Buchbesprechung: „We the People. Eine Geschichte der amerikanischen Verfassung“ (Jill Lepore)

von Kai-Uwe Hülss

Das ungarische Grundgesetz ist die jüngste Verfassung aller Mitgliedsländer der Europäischen Union. Das „Alaptörvény“ trat erst im Jahr 2012 in Kraft. Die finnische Verfassung wurde zur Jahrtausendwende verabschiedet und das Grundgesetz Deutschlands regelt seit dem Jahr 1949 die wichtigsten rechtlichen sowie politischen Grundlagen der Bundesrepublik. Das Land in der Europäischen Union mit der ältesten noch gültigen Verfassung sind indes die Niederlande. Das „Grondwet“ gibt seit dem Jahr 1815 dem Königreich eine kontinuierliche Struktur, die im Jahr 1848 mit der Einführung des Parlamentarismus eine grundlegende Reform erfuhr.

Gesetze leiten Menschen; Verfassungen leiten Regierungssysteme.

Jill Lepore: „We the People. Eine Geschichte der amerikanischen Verfassung“, S. 16.

Die älteste noch heute gültige kodifizierte Nationalverfassung der Welt befindet sich nicht in der alten, sondern in der neuen Welt: Am 17. September 1787 verabschiedete die Philadelphia Convention die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika und ist mit seinen 237 Jahren 13 Jahre jünger als die USA. Am 4. März 1789 trat die Verfassung nach der Ratifizierung durch die Mitgliedsstaaten der Union in Kraft. Gerade einmal sieben Artikel regeln die Gewaltenteilung und -verschränkung, die bis heute Vorbild für zahlreiche Verfassungen weltweit, darunter die Bundesrepublik Deutschland und die Bundesrepublik Nigeria, ist.

Der Zweck des menschlichen Körpers besteht darin, zu leben; der Zweck einer Uhr ist die Zeitmessung; und der Zweck einer Verfassung ist die Bewahrung der Freiheit und die ordnungsgemäße Ausübung von Macht.

Lepore: „We the People“, S. 56.

Zum 250. Bestehen der Vereinigten Staaten hat sich die renommierte Historikerin Jill Lepore, die an der Harvard University lehrt und regelmäßig Beiträge für The New Yorker beisteuert, in ihrem neuesten und in der deutschen Ausgabe im C.H. Beck Verlag erschienen Werk „We the People“ ausführlich mit der Geschichte der US-amerikanischen Verfassung befasst. Auf 920 Seiten setzt sich Lepore sehr detailliert mit der Entstehung sowie der Entwicklung der US-Verfassung, die mit „nur 27 Änderungen (…) eine der niedrigsten Änderungsraten weltweit“ (Lepore: „We the People“, S. 30) aufweist, auseinander.

Dabei geht die Autorin einerseits geschickt auf die zahlreichen Widersprüche der Verfassung ein. Andererseits erläutert Lepore die bis heute andauernde Auseinandersetzung über die Interpretation der Verfassung. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs dominieren, wie bereits in einem vorherigen Beitrag auf dieser Seite analysiert wurde, zwei unterschiedliche Strömungen die Auslegung der US-Verfassung: Der „Originalismus“ steht der „lebenden Verfassung“ gegenüber. Die Historikerin lässt in ihrem Werk durchblicken, dass sie der originalistischen Auslegung kritisch gegenübersteht.

Auf sehr lesenswerte Weise arbeitet Lepore, die in diesem Jahr für ihr neuestes Buch mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, den Kampf für Gleichberechtigung diverser Gruppen – exemplarisch seien an dieser Stelle Afroamerikaner und Frauen genannt – heraus. Summa summarum sei „We the People“ von Jill Lepore allen Lesern empfohlen, die an einer detaillierten Erzählung der US-amerikanischen Geschichte im Kontext der Entstehung und Entwicklung der US-Verfassung ein Interesse haben.