Bereitet Mark Kelly seine politische Mondlandung vor?

von Kai-Uwe Hülss

Wer kennt sie nicht, die Geschichten vom Tellerwäscher zum Millionär? Der Amerikanische Traum verspricht genau dies, schließlich sind die USA das selbsternannte Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Mit harter Arbeit bei einer gleichzeitigen Zurückhaltung des Staates, so der Mythos, ist der soziale Aufstieg für jede Person möglich. Ein Werdegang, der im 250. Jahr des Bestehens der USA sicherlich schwieriger zu erreichen ist als je zuvor. Eine Begebenheit, die populistischen Kandidaten Auftrieb gibt.

Und doch gibt es nach wie vor prominente Beispiele, die den Amerikanischen Traum verkörpern und aus denen eine ganze Nation sowie Migranten Hoffnung schöpfen. Exemplarisch sei an dieser Stelle Oprah Winfrey genannt, die in ärmlichen Verhältnissen bei ihrer Großmutter aufwuchs und doch zur weltweit bekanntesten Talkshow-Moderatorin aufstieg. Ein weiteres Beispiel ist Howard Schultz, der seine Kindheit in einem New Yorker Sozialbau verbrachte. Später arbeitete er sich bis zum Vorsitzenden von Starbucks hoch und machte aus der Kaffeehauskette mit nur drei Filialen einen globalen Konzern mit Niederlassungen in mehr als 80 Ländern.

Der Astronaut José Hernández

José Hernández dürfte hingegen nur wenigen Personen ein Begriff sein. Aufgewachsen in einer Familie von mexikanischen Wanderarbeitern, musste er bereits als Kind auf den Feldern Kaliforniens seiner Familie helfen. Trotz dieser beschwerlichen Umstände hegte Hernández einen (Kindheits-) Traum: Astronaut werden. Doch seine Begabung für Mathematik und Physik sowie sein Fleiß reichten ihm zur Erfüllung seines Lebensziels nicht aus.

Elf lange Jahre bewarb er sich bei der US-Bundesbehörde für Raumfahrt und Flugwissenschaft – elfmal wurde Hernández abgelehnt. Doch er gab nicht auf, verbesserte seine Qualifikationen kontinuierlich und bekam doch noch die Zulassung für das Raumfahrtprogramm der NASA. Im Jahr 2009 flog er als erster mexikanisch-amerikanischer NASA-Flugingenieur ins All. 13 Tage 20 Stunden und 54 Minuten hielt sich Hernández im Weltall auf und lebte seinen Amerikanischen Traum, der im Spielfilm „A Million Miles Away“ („Der Griff nach den Sternen“) verewigt wurde.

Der Astronaut Mark Kelly

Sogar 54 Tage 2 Stunden 4 Minuten verbrachte der zwei Jahre jüngere Mark Kelly im Weltraum. Acht Jahre vor Hernández wurde Kelly für die 16. Astronautengruppe der NASA ausgewählt. Zwischen den Jahren 2001 und 2011 nahm der Mann aus New Jersey an vier Weltraumflügen teil. Vorausgegangen war, wie bei Hernández, eine intensive Qualifizierungsphase. Nach einem Studium des Schiffsmaschinenbaus und Seetransports (Bachelor of Science) folgte eine Ausbildung zum Piloten bei der Naval Air Station Whidbey Island.

Während des Zweiten Golfkriegs wurde Kelly in der 115. Angriffsstaffel „Eagles“ auf dem Flugzeugträger „Midway“ eingesetzt. Von den 456 Kampfeinsätzen der „Eagles“ im Rahmen der „Operation Desert Storm“ flog Kelly 39 Angriffe auf Stellungen im Irak. Nach dem Kampfeinsatz machte Kelly seinen Master im Fachbereich Luftfahrttechnik auf der Naval Postgraduate School. Eine Anstellung als Testpilot sowie als Fluglehrer an der U.S. Naval Test Pilot School folgten.

Attentat auf Gabriele Giffords

Astronauten sind von Natur aus ambitioniert, können menschliche Fehler im Weltall doch ungeahnte Konsequenzen mit sich bringen. Dass Kelly jedoch einmal in den politischen Betrieb einsteigen würde, daran dachte er wohl am wenigsten. Doch die Ereignisse des 8. Januar 2011 führten zu einem Umdenken bei Kelly, denn an diesem Tag veränderte sich sein Leben und vor allem das seiner Ehefrau Gabriele Giffords. An jenem Tag hielt die damalige Abgeordnete des U.S. Repräsentantenhauses eine Bürgersprechstunde in einem Einkaufszentrum im nahe bei Tucson, AZ, gelegenen Casas Adobes ab, als der 22-jährige Jared Lee Loughner ihr gezielt in den Hinterkopf schoss.

Giffords überlebte schwer verletzt, weitere sechs Personen wurden bei dem Angriff, der als Hass gegen die Regierung im Allgemeinen und Giffords im spezifischen gewertet wurde, getötet. Es war das erste Attentat auf einen Bundespolitiker seit dem 30. März 1981, als Präsident Ronald Reagan angeschossen wurde. Ehemann Kelly bereitete sich zu dieser Zeit als Kommandant auf die vorletzte Mission mit der „Endeavour“ vor. Die Vorbereitung dazu unterbrach Kelly, damit er seine Frau unterstützen konnte. Im Mai 2011 nahm er dennoch an der Raumfahrt teil, gab jedoch kurz danach bekannt, die NASA und die Marine zu verlassen.

Der Politiker Mark Kelly

Kelly nutzte die darauffolgende Zeit, eine Biographie über seine Ehefrau mit dem Titel „Gabby: A Story of Courage and Hope“ zu verfassen. Im August 2011 kehrte Giffords nochmals in den U.S. Kongress zurück und nahm an wichtigen Abstimmungen teil. Im Januar 2012 verließ sie jedoch auf Grund von Sprachproblemen und einem verminderten Sehvermögen, Konsequenzen des Attentats, als Abgeordnete das Parlament. Das Ehepaar, welches Teil der moderaten und wirtschaftsfreundlichen „Blue Dog Democrats“ ist, setzte sich fortan für stärkere Kontrollen beim Verkauf von Waffen ein. Im Jahr 2013 gründeten vor diesem Hintergrund Kelly und Giffords die Lobbyorganisation „Americans for Responsible Solutions“.

Nach dem Attentat auf seine Ehefrau wurde also der Homo politicus in Kelly geweckt. Im Jahr 2020 bewarb sich Kelly sodann im Bundesstaat Arizona für den U.S. Senatssitz, den bis zu seinem Ableben im Jahr 2018 der Republikaner John McCain inne hielt. Gegen Martha McSally, die Arizona interimsweise im U.S. Senat repräsentierte, setzte sich Kelly mit 51,16 % zu 48,81 % durch. Zwei Jahre später wurde Kelly mit einem um zwei Prozentpunkte größeren Vorsprung gegen den Republikaner Blake Masters wiedergewählt.

Will Kelly politisch noch höher hinaus?

In einem sich immer stärker polarisierenden Umfeld hat sich Kelly am Capitol Hill als moderate und unabhängige Stimme Respekt verschafft. Zu Beginn der zweiten Administration von Präsident Donald Trump stimmte er beispielsweise gemeinsam mit elf weiteren Demokraten für den „Laken Riley Act“, der die gesetzliche Grundlage der späteren Abschiebungen von illegalen Einwanderern bildete. Ebenso verteidigte Kelly bereits öffentlich die Verfassung der Vereinigten Staaten, indem er sich an einer Videobotschaft an Angehörige des US-Militärs beteiligte, die ihnen empfahl, sich unrechtmäßigen Befehlen zu widersetzen.

Der Zorn der republikanischen Administration auf Kelly folgte ebenso wie die Einleitung einer Untersuchung gegen ihn wegen „schwerwiegender Vorwürfe von Fehlverhalten“ durch das Pentagon. Als einstiger Kommandant der Navy unterliegt Kelly dem US-Wehrstrafrecht, so dass „Aktionen mit der Absicht, die Loyalität, Moral oder der guten Ordnung und Disziplin der Streitkräfte zu beeinträchtigen“ verboten sind. Ein Bundesgericht entschied derweil, dass Kellys Äußerungen von der Meinungsfreiheit gedeckt seien.

Mit der Auseinandersetzung, der Kelly – im Gegensatz zu Präsident Trump, der die Todesstrafe für den demokratischen U.S. Senator forderte – würdevoll begegnete, empfahl sich der ehemalige Astronaut für höhere politische Ämter. Eine beeindruckende Lebensgeschichte weiß Kelly zudem auf seiner Seite. Dass dies alleine jedoch nicht ausreichen muss, erfuhr schon Kellys Astronautenkollege Hernández: Im Jahr 2012 scheiterte dessen Versuch, in der Politik Fuß zu fassen. Im kalifornischen Wahlbezirk 10 unterlag er nämlich seinem republikanischen Kontrahenten, so dass er nicht in das U.S. Repräsentantenhaus einzog. Doch der Amerikanische Traum lehrt, dass Aufgeben keine Option ist. Wer könnte dies besser wissen als Hernández und Kelly. Letzterer könnte seine politische Mondlandung im Jahr 2028 mit dem Kurs auf das Weiße Haus starten.


Zur besseren Lesbarkeit von Personenbezeichnungen und personenbezogenen Wörtern wird in der Regel die männliche Form genutzt. Diese Begriffe gelten für alle Geschlechter.