Merz‘ fehlendes Gespür für Trump

von Kai-Uwe Hülss

Beide sind wohlhabend, zählen Flugzeuge zu ihren Besitztümern, teilen die Leidenschaft für das Golfspielen, waren vor ihrer Zeit als Regierungschefs in der freien Wirtschaft tätig, äußern sich regelmäßig abwertend über Teile der Bevölkerung und warten mit schlechten Umfragewerten auf: US-Präsident Donald Trump und der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz weisen zahlreiche Gemeinsamkeiten auf. Freilich weiß der US-Amerikaner im Vergleich zu seinem deutschen Amtskollegen die meisten Superlative auf seiner Seite.

Das US-Wirtschaftsmagazin Forbes schätzt das Vermögen von Präsident Trump auf $ 6,5 Milliarden, Bundeskanzler Merz ist indes „nur“ Multimillionär. Zudem besitzt der Christdemokrat ein zweimotoriges Leichtflugzeug vom Typ Diamond DA62, der MAGA-Republikaner gönnte sich im Jahr 2011 mit der Boeing 757-200 gleich eine selbsternannte „Trump Force One“. Ein unliebsames Superlativ hat Bundeskanzler Merz indes auf seiner Seite, ist er doch mit einer Zustimmung von 13 % (Forsa) weitaus unbeliebter bei der heimischen Bevölkerung als Präsident Trump (39-40 %).

Vor diesem Hintergrund waren die Voraussetzungen für eine Fortführung der erfolgreichen bilateralen Beziehungen zwischen den USA und Deutschland, zumindest auf persönlicher Ebene zwischen den beiden Regierungschefs, als gut einzustufen. Zu Beginn der Amtszeit des zehnten deutschen Bundeskanzlers sollte Merz in der Tat eine vergleichsweise positive Gesprächsatmosphäre mit dem Hausherren der 1600 Pennsylvania Avenue herstellen. Doch wie so oft im Umgang mit Vertretern liberaler Demokratien sollte Präsident Trump dieses gute Verhältnis bald nicht mehr zu schätzen wissen – zumal der MAGA-Republikaner auch den über Jahrzehnte gewachsenen transatlantischen Beziehungen bis heute wenig Bedeutung beimisst. Allerdings ließ es auch Bundeskanzler Merz an Gespür für den erratischen US-Präsidenten mangeln, wie der nachfolgende Beitrag herausarbeitet.

Trump sind seine deutschen Wurzeln unangenehm

Präsident Trump weist väterlicherseits deutsche Wurzeln auf. Großvater Friedrich wanderte im Jahr 1885 aus dem rheinland-pfälzischen Kallstadt in die USA aus, um dem Militärdienst zu entgehen. Die einstige Nachbarstochter Elisabeth Christ sollte 16 Jahre später Friedrich, der sich fortan Frederick nannte, in die USA folgen und mit ihm eine Familie gründen. Trotz dieser familiären Bande zu Deutschland besuchte Donald Trump bis zum heutigen Tage das Heimatdorf seiner Großeltern nicht. Mit seinen 1.234 Einwohnern ist Kallstadt mit seiner ländlichen Idylle dem in New York City aufgewachsenen einstigen Immobilien-Mogul Trump nämlich sichtlich unangenehm.

Dies sollte Bundeskanzler Merz bei seinem ersten offiziellen Staatsbesuch im Weißen Haus nicht davon abhalten, Präsident Trump eine eingerahmte Kopie der Geburtsurkunde des Großvaters Friedrich Trump zu überreichen. Dass der 45. und 47. US-Präsident seinen deutschen Wurzeln wenig Bedeutung beimisst, muss dem Beraterstab des Bundeskanzlers ebenso entgangen sein wie die Tatsache, dass bereits der damalige BILD-Chefredakteur Kai Diekmann im Januar 2017 dem damals erstmals zum Präsidenten gewählten Trump solch eine Kopie überreichte.

Ein Jahr später – die Beziehung zwischen den beiden Regierungschefs war bereits aufgrund öffentlich ausgetragener, divergierender Auffassungen zum Iran-Konflikt zerrüttet – schenkte Bundeskanzler Merz Präsident Trump zum 80. Geburtstag ein Trikot der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Eine gut gemeinte Geste, waren die USA doch zu diesem Zeitpunkt auch Co-Gastgeber der FIFA-Weltmeisterschaft. Doch das erneute Erinnern an die deutsche Familiengeschichte dürfte das angespannte Verhältnis zwischen Präsident Trump und Bundeskanzler Merz kaum verbessert haben.

Trump ist kein verlässlicher Partner

Die Missinterpretation von Trumps Einstellung gegenüber seiner deutschen Familiengeschichte mag für die persönliche Bande zwischen dem US-Präsidenten und Bundeskanzler Merz wenig förderlich sein. Grundsätzlicher, insbesondere in Bezug auf die Sicherheitspolitik, wird es indes bei der Beurteilung Trumps als vertrauenswürdigen und verlässlichen Partner. Exemplarisch dient an dieser Stelle der diesjährige G7-Gipfel in Évian. In Frankreich kam es, abgesehen von späteren Streitigkeiten mit der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, nicht zu einem Eklat mit Präsident Trump. Die zu ihrem Gründungszeitpunkt bedeutendsten Industriestaaten mit liberal-demokratischen Werten sprachen infolgedessen von einem erfolgreichen Aufeinandertreffen.

Bundeskanzler Merz ging sogar so weit zu behaupten, dass „es eine neue Einigkeit mit Trump bei den Ukraine-Gesprächen“ geben würde. Der Christdemokrat ließ sich sogar dazu hinreißen, davon zu reden, dass es nun an der Zeit sei, „dass Russland in Verhandlungen“ eintrete. Moskau lehnte freilich postwendend solch eine Forderung ab und antwortete mit schweren Luftangriffen auf ukrainische Großstädte. Es ist zudem ein naiver Gedanke von Bundeskanzler Merz und den Westeuropäern, dass Verhandlungen den historisch begründeten russischen Imperialismus einhegen könnten. Der russische Herrschaftsanspruch muss schon unmissverständlich in seine Schranken verwiesen werden, wie es gegenwärtig die Ukraine mit gezielten Angriffen auf die russische Energie- und Militärinfrastruktur versucht, damit es überhaupt eine Chance auf einen nachhaltigen Frieden in Europa geben kann.

Zwar wären die Vertreter des freien Europa gut darin beraten, die USA auf Grund ihrer geheimdienstlichen und militärischen Abhängigkeiten weitestgehend als Verbündeten an sich zu binden. Doch auf den amtierenden Präsidenten sollte sich nicht verlassen werden. Zu wankelmütig agiert Präsident Trump, zu begeisternd verhält sich der MAGA-Republikaner regelmäßig gegenüber autoritären Herrschern wie Vladimir Putin. Nicht zu vergessen, dass die USA unter Präsident Trump der Ukraine in ihrem Freiheitskampf gegen die russischen Invasoren jegliche direkte militärische Hilfen verwehren. Vor diesen Hintergründen ist es nur zu hoffen, dass der Bundeskanzler mit seinen Äußerungen den US-Präsidenten einmal mehr nur schmeicheln wollte – und sich im Hintergrund für den Ernstfall einer noch stärkeren Abkehr der Trump-USA von Europa vorbereitet wird.

Trump sieht Europa als Konkurrentin

Neben einer wankelmütigen Sicherheitspolitik der USA unter Präsident Trump versucht der 47. US-Präsident die Wirtschaftsinteressen seines Landes nach seinen Vorstellungen knallhart durchzusetzen. Im von Präsident Trump losgetretenen Handelskonflikt sehen die USA nicht nur aufsteigende Konkurrenten wie die Volksrepublik China als Rivalen, sondern auch langjährige Partner wie Kanada und die Europäische Union. In der Ära Trump haben sich die USA der wirtschaftspolitischen Ideologie des Protektionismus verschrieben – die Wirtschaft wird nicht als globaler Markt gesehen, sondern als eine Arena eines Nullsummenspiels, in dem der Gewinn eines Landes der Verlust eines anderen ist.

Ähnlich verhält es sich im Nahostkonflikt. Die (temporäre) Beilegung der militärischen Auseinandersetzung der USA und Israels mit der Islamischen Republik Iran dient nicht zur Stabilisierung des Nahen Ostens oder der Weltwirtschaft. Vielmehr ist das teilweise Einlenken Trumps damit zu begründen, dass der US-Präsident das Mullah-Regime einzig mit Luftangriffen nicht in die Knie zwingen kann. Zudem erweisen sich die wirtschaftlichen Konsequenzen für die US-Amerikaner vor dem Hintergrund der im November anstehenden Zwischenwahlen als zu hoch. Die – mittlerweile wieder fragil gewordene – Waffenruhe im Nahen Osten ist auch für die wirtschaftliche Lage Deutschlands eine gute Nachricht.

Doch mittel- und langfristig wurde das Mullah-Regime in Teheran gestärkt, so dass bereits heute weitere Nahostkonflikte am Horizont zu erkennen sind – die vereinbarte Waffenruhe zwischen den USA, Israel und der Islamischen Republik Iran ist bereits brüchig und die Straße von Hormus weiterhin nicht (vollständig) befahrbar. Im schlimmsten Fall würden diese Konflikte noch größere militärische und wirtschaftliche Verwerfungen sowie Flüchtlingswellen auslösen. Die Region ist mit Präsident Trumps unvollendeter Militäroperation gegen die Islamische Republik Iran nicht stabiler geworden, wie von Bundeskanzler Merz behauptet. Wenn überhaupt, gibt es eine Ruhe vor einem noch größeren Sturm, mit deren Konsequenzen Europa weitaus stärker konfrontiert wäre als die USA.

Konklusion

Merz ist gegenwärtig der unbeliebteste Bundeskanzler seit Beginn der Umfrageaufzeichnungen. Einen großen Anteil daran hat eine ausbaufähige politische Kommunikation des Christdemokraten – eine Begebenheit, die sich auch im Umgang mit US-Präsident Donald Trump zeigt. Mit dem MAGA-Republikaner ist es ohnehin für Vertreter liberaler Demokratien schwierig, eine belastbare Beziehung aufzubauen. Merz’ oben beschriebene öffentlich getätigte Fehleinschätzungen in Bezug auf Präsident Trump – zu Beginn des Jahres 2025 wartete der Christdemokrat noch mit realistischeren Einschätzungen auf – dürften dies nochmals erschwert haben. Hierzu gehört auch, dass ein Bundeskanzler einen US-Präsidenten nicht imitieren sollte, wie in Volkmarsen geschehen – schon gar nicht einen narzisstisch veranlagten US-Präsidenten wie Trump. Immerhin ist das Parodieren von Politikern eine weitere Gemeinsamkeit von Bundeskanzler Merz und Präsident Trump.


Zur besseren Lesbarkeit von Personenbezeichnungen und personenbezogenen Wörtern wird in der Regel die männliche Form genutzt. Diese Begriffe gelten für alle Geschlechter.