Entgegen der Gerontokratie. Wer die jüngeren Hoffnungsträger sind, die Amerikas Führung aus der Überalterung holen wollen.

von Kai-Uwe Hülss

Mit ihren 78 Jahren waren Donald Trump und Joe Biden bei ihrem jeweiligen Einzug in das Weiße Haus in den Jahren 2025 respektive 2021 die ältesten Präsidenten in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika. Fast halb so alt waren die bei Amtsantritt jüngsten US-Präsidenten: Der bei seiner Vereidigung jüngste Amtsinhaber war mit 42 Jahren Theodore Roosevelt. Der Republikaner rückte im Jahr 1901 nach dem Attentat auf Präsident William McKinley in das Amt nach.

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Der jüngste gewählte US-Präsident war mit 43 Jahren der Demokrat John F. Kennedy. Bei der nächsten Präsidentschaftswahl 2028 könnte es nach Barack Obama, der bei seinem Amtsantritt 47 Jahre alt war, wieder einen jüngeren Hausherrn in der 1600 Pennsylvania Avenue geben. Wer die jüngeren Hoffnungsträger sind, die Amerikas Führung aus der Überalterung holen wollen, beantwortet der nachfolgende Beitrag.

Vizepräsident JD Vance – Der MAGA-Kronprinz?

Die „unsichtbare Vorwahl“, bei der Politiker eine mögliche Präsidentschaftskandidatur ausloten, neigt sich mit den Zwischenwahlen, die am 3. November 2026 abgehalten werden, ihrem Ende entgegen. Ab diesem Zeitpunkt kann nämlich mit den ersten offiziellen Verkündigungen von Teilnahmen an den innerparteilichen Präsidentschaftsvorwahlen gerechnet werden. Vergangene Vorwahlkämpfe haben gezeigt, dass die Favoriten ihre Kandidaturen zwischen Frühjahr und Sommer nach den Midterms bekannt geben.

Zum Favoritenkreis auf die republikanische Präsidentschaftskandidatur zählt qua Amt Vizepräsident JD Vance. Würde der konvertierte Katholik als Nachfolger von Präsident Trump am 20. Januar 2029 als 48. US-Präsident vereidigt werden, würde Vance mit seinen dann 44 Jahren auch einen Generationenwechsel im Weißen Haus einleiten und für die Fortsetzung eines nationalistischen und isolationistischen Kurs der Vereinigten Staaten stehen. Dabei wandelte sich Vance vom Trump-Kritiker, er nannte den 45. und 47. US-Präsidenten einst „Amerikas Hitler“, zu einem der führenden Anhänger der „Make America Great Again“ Bewegung.

Vizepräsident Vance wuchs in einer Arbeiterfamilie im Südwesten Ohios in Armut auf. Doch ihm gelang der Aufstieg dank eines Dienstes im U.S. Marine Corps, einem Studium an der Yale Law School und einer Anstellung als Kapitalmanager. Im Jahr 2016 veröffentlichte Vance den Bestseller „Hillbilly Elegy“ – ein autobiographisches Werk über die Herausforderungen der weißen Arbeiterschaft. Im Jahr 2026 folgte mit „Communion: Finding My Way Back to Faith“ die Veröffentlichung eines weiteren Buches, das den Glaubensweg des 50. US-Vizepräsidenten beschreibt. In einem möglichen Präsidentschaftswahlkampf würde die größte Herausforderung für Vance das Zusammenhalten der von Trump geschmiedeten Wählerallianz sein.

U.S. Senator Jon Ossoff – Ein moderner JFK?

Weitaus weniger bekannt als Vizepräsident Vance ist der Demokrat Jon Ossoff. Bei der Stichwahl zum U.S. Senatssitz für den Bundesstaat Georgia setzte dieser sich im Januar 2021, am Tag vor der von Präsident Trump forcierten Erstürmung des Kapitols, gegen den republikanischen Amtsinhaber David Perdue durch. Mit seinen erst 39 Jahren ist Ossoff in der 119. Legislaturperiode des U.S. Senats der jüngste Abgeordnete. Das Durchschnittsalter aller 100 U.S. Senatoren beträgt indes 65 Jahre, wobei knapp ein Drittel der Abgeordneten älter als 70 Jahre sind und 60 Prozent der Generation der Babyboomer (Geburtsjahrgänge zwischen 1946 und 1964) angehören. Alleine auf Grund dieser Tatsachen ließ die erste Wahl von Ossoff in den U.S. Senat, im November muss er bei den Zwischenwahlen seinen Sitz gegen den Republikaner Mike Collins verteidigen, aufhorchen.

Vor seinem Eintritt in die Bundespolitik leitete Ossoff, dessen jüdische Urgroßeltern aus Osteuropa in die USA auswanderten, mit Insight TWI ein Medienunternehmen, das auf Dokumentarfilme über Korruption spezialisiert ist. Bereits als Jugendlicher arbeitete er für den demokratischen Abgeordneten und Bürgerrechtler John Lewis. An der Georgetown University zu Washington D.C. erwarb Ossoff einen Bachelor of Arts sowie an der London School of Economics einen Master of Science. Als U.S. Senator wartete Ossoff mit einer differenzierenden Haltung zum Nahostkonflikt auf: Einerseits stimmte er für milliardenschwere Sicherheitsgarantien für Israel. Andererseits forderte er im Gaza-Krieg eine Beschränkung der Waffenlieferungen an den jüdischen Staat. Ebenso erwähnenswert war Ossoffs Votum für den Laken Riley Act Anfang 2025, ein Gesetz, das es erlauben soll, straffällig gewordene Immigranten leichter abzuschieben.

In einer sich immer stärker radikalisierenden Demokratischen Partei – eine Entwicklung, die Republikaner schon Jahre zuvor durchgemacht haben – vertritt Ossoff gemäßigt progressive Positionen und scheut sich nicht vor einer Zusammenarbeit mit Vertretern der Republikanischen Partei. Ein Pragmatismus, zu dem er gewissermaßen auch gezwungen wird, vertritt Ossoff doch mit Georgia einen strukturell konservativen Bundesstaat. Eine Begebenheit, die ihn laut einflussreicher Demokraten und Spender für höhere Aufgaben qualifiziert. Vorausgesetzt, Ossoff wird am 3. November 2026 als U.S. Senator für Georgia wiedergewählt.

Pete Buttigieg – Der erste homosexuelle Präsident?

Weitaus länger im politischen Betrieb als Ossoff ist dessen Parteikollege Pete Buttigieg. Bereits im Alter von 29 Jahren wurde der Demokrat zum Bürgermeister der Universitätsstadt South Bend im konservativen Bundesstaat Indiana gewählt (2012). Im Jahr 2020 bewarb sich „Bürgermeister Pete“, der 2014 als Offizier für Marinenachrichtendienstliche Angelegenheiten in der U.S. Navy in Afghanistan im Einsatz war, um die demokratische Präsidentschaftskandidatur. Die erste Vorwahl im Bundesstaat Iowa konnte sich der seit dem Jahr 2018 mit Chasten verheiratete Buttigieg (siehe untenstehenden Instagram-Beitrag) für sich entscheiden. Nach der vierten Vorwahl in South Carolina zog er jedoch seine Teilnahme an den demokratischen Präsidentschaftsvorwahlen zurück und unterstützte fortan Bidens Kandidatur.

Mit diesem Schachzug wollte Buttigieg den auf Grund seines in Jahrzehnten aufgebauten politischen Netzwerks aussichtsreichsten moderaten Kandidaten stärken. Eine Notwendigkeit, da die progressiven Kräfte innerhalb der Demokratischen Partei schon damals einen bemerkenswerten Aufschwung erlebten. Buttigiegs Strategie sollte von Erfolg gekrönt sein: Biden wurde zum Präsidentschaftskandidaten gewählt und entschied die Präsidentschaftswahl 2020 für sich. Präsident Biden installierte daraufhin mit Buttigieg das erste offen homosexuell lebende Kabinettsmitglied in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Als Verkehrsminister stand Buttigieg 55.000 Mitarbeitern vor. Eine karrieretechnisch vorteilhafte Position am Kabinettstisch, konnte Buttigieg als Verkehrsminister doch sein landesweites Netzwerk ausbauen – und den Kommunen Unterstützungsleistungen der Bundesregierung persönlich zustellen.

Alexandria Ocasio-Cortez – Linke Revolution in Amerika?

Auf ein starkes Netzwerk kann auch Alexandria Ocasio-Cortez (AOC) bauen. Die Präsidentschaftskandidaturen des selbst ernannten demokratischen Sozialisten Bernie Sanders in den Jahren 2016 und 2020 ebneten nämlich AOC und weiteren radikalen Linken den Weg, ist doch seit den #FeelTheBern Kampagnen die linke demokratische Basis regelrecht elektrifiziert. Ein wahres innerparteiliches Erdbeben erfolgte im Jahr 2018 als der an vierter Stelle in der demokratischen Parteiführung des U.S. Repräsentantenhauses positionierte Joe Crowley die Vorwahl um den Abgeordnetenposten für den 14. Kongresswahlbezirk von New York verlor. Die bis dahin unbekannte Kellnerin puerto-ricanischer Abstammung AOC setzte sich durch und vertritt seitdem ihren Wahlbezirk als Abgeordnete im U.S. Kongress.

Heute ist AOC eine der prominentesten und polarisierendsten Demokratinnen am Capitol Hill. Um sie herum hat sie eine Scharr ähnlich denkender Politiker gescharrt. The Squad ist dem progressiven, sehr linken Flügel der Demokratischen Partei zuzuordnen. Die Mitglieder dieser losen Gruppe bezeichnen sich als sogenannte Demokratische Sozialisten, freilich ein Oxymoron, und stehen zumeist der antizionistischen BDS-Bewegung nahe. Nach dem erneuten Wahlsieg von Trump tourten AOC und U.S. Senator Sanders unter dem Motto Fighting Oligarchy gemeinsam durch die USA, um für ihre Ideen zu werben und gegen die zweite Amtszeit des MAGA-Republikaners zu mobilisieren. In New York City verhalf AOC dem Antizionisten Zohran Mamdani zum Erfolg bei der Bürgermeisterwahl, in Michigan dem Sozialisten Abdul El-Sayed zur Nominierung als Spitzenkandidat um den Posten des U.S. Senators.

Konklusion

Nach zwölf Jahren mit Präsidenten, die mit Ende 70 in das Weiße Haus einzogen, dürfte ab Januar 2029 wieder eine deutlich jüngere Person die 1600 Pennsylvania Avenue ihr temporäres Zuhause nennen. Mit Vizepräsident JD Vance, U.S. Senator Jon Ossoff, Pete Buttigieg und der Abgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez gibt es gleich vier Personen in ihren 40ern, die reale Chancen auf eine Nominierung durch ihre Partei haben. Die größten innerparteilichen Konkurrenten dürften für die junge Garde indes die Vielzahl von erfolgreichen Gouverneuren darstellen, die zwar älter als die in diesem Beitrag vorgestellten Politiker, doch weitaus jünger als die Präsidenten Biden und Trump sind.


Zur besseren Lesbarkeit von Personenbezeichnungen und personenbezogenen Wörtern wird in der Regel die männliche Form genutzt. Diese Begriffe gelten für alle Geschlechter.