Die Berliner Luftbrücke

von Kai-Uwe Hülss

Ein bekanntes Geräusch über dem sommerlichen Berlin. Flugzeuglärm. Was drei Jahre zuvor von der deutschen Bevölkerung noch als Bedrohung wahrgenommen wurde, mutierte im Juni 1948 zu einem hoffnungsvollen Klang. Im Anflug waren zwar wie im Zweiten Weltkrieg Maschinen der Alliierten Streitkräfte. Doch anstatt Bomben brachten diese nun überlebenswichtige Materialien. Insbesondere Lebensmittel waren dringend notwendig, reichten die Vorräte doch nur für geschätzt einen Monat. Doch was war geschehen?

Die Sowjetunion sperrte ab dem 24. Juni 1948 alle Land- und Wasserwege von der Trizone, dem späteren Westdeutschland, nach West-Berlin. Die 2,2 Millionen in West-Berlin lebenden Menschen sowie 9.000 US-Streitkräfte, 7.600 britische Soldaten und 6.100 französische Armeeangehörige sollten ausgehungert werden, um den Druck auf die West-Alliierten zu erhöhen das westliche Berlin aufzugeben. Der Plan Moskaus war die Eingliederung West-Berlins in die sowjetische Besatzungszone. Der historisch begründete russische Imperialismus, der heute in der Ukraine seine Zerstörungswut hinterlässt, dominierte schon damals die Sicherheitspolitik.

USA initiierten logistischen Kraftakt

Doch die West-Alliierten hielten dem Druck stand. Unter der Führung der Vereinigten Staaten von Amerika richteten die West-Alliierten eine Luftbrücke zur Versorgung der Stadt ein. Ein unvorstellbarer logistischer Kraftakt. Zwischen Juni 1948 und September 1949 wurden insgesamt 2,1 Millionen Tonnen Fracht nach West-Berlin geflogen, darunter 485.000 Tonnen Lebensmittel. Flugzeuge der Vereinigten Staaten brachten alleine 1,6 Millionen Tonnen Fracht in die ehemalige Reichshauptstadt. Die US-Amerikaner starteten in der Regel von den Flughäfen Wiesbaden und Frankfurt am Main. Gelandet wurde im heute stillgelegten Flughafen Berlin-Tempelhof. Ende der 1940er Jahre wohlgemerkt ein Flughafen mit zunächst nur unbefestigten Graspisten.

Am Rande der Landepisten warteten häufig zahlreiche Kinder. Denn kurz vor der Landung schmissen die Piloten oftmals Schokoladentafeln und Kaugummis, die an selbstgebastelten Taschentuch-Fallschirmen hangen, über der wartenden Menschenmenge ab. Es war der Beginn einer einzigartigen transatlantischen Freundschaft zwischen Deutschen und US-Amerikanern. Initiiert wurden diese Abwürfe von Gail Halvorsen, Pilot der United States Air Force. Viele seiner Kameraden sollten sich an Halvorsen ein Beispiel nehmen und vor Beginn ihrer jeweiligen Flüge Taschentuch-Fallschirme basteln und mit Süßigkeiten bestücken. Die Erfolgsgeschichte der Rosinenbomber begann.

Brückenbauer sind heute verzweifelt gesucht

Mehr als sieben Dekaden später muten die transatlantischen Beziehungen indes eingerostet an. Begründet liegt dies einerseits an zunehmenden Differenzen in der Tagespolitik; insbesondere der erstarkende Nationalismus in den USA führt hierbei zu divergierenden Einstellungen bei grundlegenden Fragen. Andererseits fehlt es oftmals an kulturellem Verständnis für die Gegenseite – primär sei an dieser Stelle der erhobene moralische Zeigefinger Deutschlands gegenüber den USA genannt.

Nur 15 Prozent der Deutschen beschreiben die USA gegenwärtig als einen vertrauensvollen Partner. Drei Viertel der Deutschen sind der Meinung, dass sich die NATO-Mitgliedsstaaten nicht mehr auf den Schutz der Vereinigten Staaten verlassen können.

Quelle: infratest-dimap vom 8. Januar 2026.

Das eigentlich viel stärkere gemeinsame Band zwischen den USA und Deutschland scheint im 21. Jahrhundert doch arg zerbrechlich zu sein. Dies unterstrich auch eine Aussage von Bundeskanzler Friedrich Merz im Mai dieses Jahres, als er seinen Kindern von einem Aufenthalt in den Vereinigten Staaten abriet. Dabei sind doch gerade die USA mit ihrem ausgeprägten Föderalismus, einer gut funktionierenden Gewaltenteilung und -verschränkung sowie einer starken Zivilgesellschaft – an dieser Stelle sei an die „No Kings“-Demonstrationen erinnert – mehr als der amtierende Hausherr in der 1600 Pennsylvania Avenue – auch wenn dieser freilich die liberalen Demokratien herausfordert.

Am 12. Mai 2019 kam Halvorsen, der die deutsch-amerikanische Freundschaft vorbildlich lebte, im Alter von 98 Jahren noch einmal zurück nach Berlin-Tempelhof. Halvorsen, der drei Jahre später versterben sollte, wollte unbedingt der Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der Beendigung der Berliner Luftbrücke als Ehrengast beiwohnen. Die geplante Landung einiger Rosinenbomber, zwanzig historische Maschinen waren extra aus den USA angereist, konnte die Festgemeinde jedoch nicht erleben. Der damalige Rot-Rot-Grüne Berliner Senat untersagte nämlich die Landeerlaubnis. Ein Affront, der die kriselnden transatlantischen Beziehungen des 21. Jahrhunderts beispielhafte darstellen sollte und sich sieben Jahre danach auf Grund der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump nochmals verschärfen sollte.


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