Ein britischer Monarch hält den USA den Spiegel vor

von Kai-Uwe Hülss

215 Jahre dauerte es, bis einem britischen Monarchen die Ehre zuteil wurde, vor der Herzkammer der US-amerikanischen Demokratie eine Ansprache zu halten. Als am 16. Mai 1991 Queen Elizabeth II. vor das Rednerpult im U.S. Kongress trat, waren ihr die Vertreter der Vereinigten Staaten von Amerika freilich freundlicher gesinnt als noch Georg III., der Urgroßvater vierten Grades von Elizabeth II., während der Amerikanischen Revolution von 1776. Schließlich entwickelte sich über die vergangenen Jahrhunderte eine enge, ja schon freundschaftliche Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und dem Vereinigten Königreich.

In ihrer 15-minütigen Rede betonte Queen Elizabeth II. sodann auch die „besondere Beziehung“ zwischen den beiden Nationen. Vor dem Hintergrund der Beendigung des Kalten Krieges, den die liberalen Demokratien gegen die Diktaturen des Sozialismus für sich entschieden, sprach die britische Monarchin den Wert der Demokratie an, den die USA und Großbritannien teilen. 35 Jahre später trat mit Charles III. erneut ein britisches Staatsoberhaupt vor den U.S. Kongress. Der Grund des Staatsbesuchs, der an das 250. Bestehen der USA erinnern sollte, rückte diesmal allerdings in den Hintergrund.

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Denn im Gegensatz zu Beginn der 1990er Jahre, als Queen Elizabeth II. die USA bereiste und von Francis Fukuyama das „Ende der Geschichte“ beschrien wurde, sind in den 2020er Jahren die liberalen Demokratien weltweit auf dem Rückzug. Exemplarisch dafür steht die demokratische Entwicklung in Westeuropa und Nordamerika: Laut dem V-Dem Institute ist die Demokratie für den Durchschnittsbürger nämlich im Jahr 2026 so schwach ausgeprägt wie seit über 50 Jahren nicht mehr – Hauptgrund dafür ist die anhaltende Autokratisierung in den USA.

Im Demokratieindex sind die USA bei diesem Institut auf Platz 51 zurückgefallen. Dies ist gleichbedeutend mit einer der stärksten Verschlechterungen weltweit. Die Nichtregierungsorganisation Freedom House bestätigt diese Entwicklung; so erreichen die USA bei deren Ranking nur noch 81 von 100 Punkten – in der vergangenen Dekade verloren die Vereinigten Staaten elf Punkte. Als Gründe für diese Abwärtsspirale werden Angriffe auf die Pressefreiheit, die steigende Polarisierung im Land sowie eine verringerte Kontrolle der Regierung durch den U.S. Kongress angeführt.

Vor diesem Hintergrund lag es – aus historischer Sicht fast schon ironisch – am britischen König Charles III., den USA den Spiegel vorzuhalten. In seiner 28-minütigen – und teils humorvollen – Rede erinnerte der britische Monarch nämlich explizit an den Stellenwert des Parlaments und der checks and balances im politischen System der USA. Ebenso betonte König Charles III. den Wert internationaler Allianzen, von denen in der Vergangenheit insbesondere die Vereinigten Staaten profitierten:

Unmittelbar nach dem 11. September, als die NATO zum ersten Mal den Bündnisfall nach Artikel 5 ausrief und der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen angesichts des Terrors geschlossen zusammenstand, sind wir dem Ruf gemeinsam gefolgt – so wie es unsere Völker seit mehr als einem Jahrhundert getan haben: Schulter an Schulter, durch zwei Weltkriege, den Kalten Krieg, Afghanistan und jene Momente, die unsere gemeinsame Sicherheit geprägt haben.

Heute (…) ist dieselbe unerschütterliche Entschlossenheit für die Verteidigung der Ukraine und ihres überaus mutigen Volkes vonnöten – um einen wahrhaft gerechten und dauerhaften Frieden zu sichern.

König Charles III. vor dem U.S. Kongress am 28. Februar 2026

Entgegen dem – insbesondere in sozialen Medien geäußerten – täglichen Lärm der Empörungsindustrie, zu deren führenden Protagonisten der amtierende US-Präsident gehört, wartete König Charles III. mit einer bedachten Wortwahl und einer smarten Verbindung aktueller Themen mit historischen Entwicklungen auf. König Charles III. hielt vor dem U.S. Kongress insbesondere für die heutige, schnelllebige und oftmals oberflächliche Zeit eine erfrischende und wohlüberlegte Ansprache, an deren Kommunikation und Stil sich so manche Person des öffentlichen Lebens ein Beispiel nehmen sollte.

Die Worte Amerikas haben Gewicht und Bedeutung, so wie sie es seit der Unabhängigkeit stets hatten. Doch das Handeln dieser großen Nation zählt noch mehr. Präsident Lincoln hat dies so treffend verstanden, als er in seiner meisterhaften Gettysburg Address darüber nachdachte, dass die Welt kaum beachten mag, was wir sagen, aber niemals vergessen wird, was wir tun.

König Charles III. vor dem U.S. Kongress am 28. Februar 2026


Zur besseren Lesbarkeit von Personenbezeichnungen und personenbezogenen Wörtern wird in der Regel die männliche Form genutzt. Diese Begriffe gelten für alle Geschlechter.